Aus: Fünf nach zwölf – na und?
Hrsg. von Jürgmeier
Basel: Nachtmaschine-Verlag, 1983
Äxgüsi – wieviel Uhr haben Sie?
Fünf vor zwölf oder fünf nach zwölf?
Anstelle eines Vorwortes
Wenn Sie an unsere Zukunft denken –
Wieviel Uhr haben Sie dann?
Fünf vor zwölf? Sechs Uhr morgens? Oder fünf nach zwölf?
Glauben Sie an die Devise "Frieden durch Krieg"?
Wie lange schon? Wie lange noch? Weshalb?
Halten Sie unsere Umwelt für vergiftet
Oder nur für teilweise gefährdet?
Haben Sie Angst vor dem Dritten Weltkrieg,
Oder sind Sie der Meinung,
Wir hätten den Overkill im Griff?
Alle Probleme liessen sich früher oder später
Durch das findige Genie des Menschen lösen?
Schlafen Sie deshalb so ruhig? Weshalb sonst?
Glauben Sie, insgeheim,
Dass es in 20, 30 Jahren vorüber ist?
Alles?
Weshalb sprechen Sie es nicht – öffentlich, z. B. – aus?
Weil Sie keine Resignation verbreiten wollen?
Hat sie sich nicht längst unterschwellig breit gemacht?
Was ist das Prinzip Hoffnung heute noch wert?
Kommt nach dem grossen Zusammenbruch
Doch noch der grosse Wiederaufbau?
Phönix aus der Asche?
Kommt der grosse Zusammenbruch?
Leben wir in einer Endzeit?
Haben nicht schon vor uns Tausende an die Endzeit geglaubt
– und wir haben sie Lügen gestraft?
Wer wird uns Lügen strafen?
Ist das alles Bangemacherei,
Die nicht mehr wert ist
Als die regelmässige proklamierte
und durch Sternstellungen unterstützte Behauptung,
Jetzt sei der Weltuntergang da,
Und dann war es doch vergebens,
Dass einige Nicht-Alpinisten den Mont-Blanc, z.B.,
Bestiegen und sich damit
Einer ungleich grösseren Gefahr
Ausgesetzt haben,
Als wenn sie ganz einfach unten
geblieben wären?
Oder halten Sie all diese Prophezeiungen
Über den grossen Zusammenbruch,
Die totale Zerstörung,
Das bittere Ende
Für den heimtückischen Versuch der Mächtigen,
Von den heutigen Missständen,
Von ihrer gegenwärtigen
Ausbeutung und Unterdrückung abzulenken,
Um so ihren Reichtum und ihre Macht
Einmal mehr zu retten,
So wie Könige mit Kriegen gegen ferne Völker
Von der Not im eigenen Lande abzulenken trachteten?
Krieg gegen den gemeinsamen grossen Untergang
Statt Kampf gegen die Unterdrückung der Herrschenden?
Haben Sie manchmal den leisen Verdacht,
Irgendwer versuche,
Ihnen mit solch einseitiger Schwarzmalerei
Und dem Miesmachen hoffnungsvoller Änderungserfolge
Absichtlich den Mut zu nehmen?
Aber, sind es nicht gerade die Mächtigen,
Die beschwichtigen?
Und die Machtlosen, die warnen?
Wem dient unsere Resignation? Ausser den Mächtigen?
Ist die Resignation mit der Weigerung,
Den Mächtigen diesen Gefallen zu erweisen,
Schon besiegt? Und die Realität?
Wenn Sie das Wort Realpolitik hören –
Woran denken Sie dann?
An eine friedliche Zukunft für uns alle?
Oder an einen mächtigen Psychopathen?
Was halten Sie für realistischer?
Realpolitische Massnahmen oder Utopien?
Den Satz
"Es kann nur weitergehen,
Wenn es nicht so weitergeht"
Oder den Satz
"Es geht so weiter,
Wie es immer weitergegangen ist"?
Haben Sie manchmal Fluchtgedanken?
Neuseeland? LSD-Trip? Östliche Götterdämmerung?
Blinder Aktivismus? Psychoinseln? Trautes Heim?
Sind Sie der Meinung,
Wir seien alle schuld,
Dass der Kaiser Kinder frisst
Und die Generäle den Dritten Weltkrieg schüren?
Wenn nicht –
Wie lange wollen Sie noch
Der Herren Hände in Unschuld waschen?
Solange Ihre Kinder noch klein sind
Und Sie Ihren Arbeitsplatz nicht aufs Spiel setzen dürfen?
Und wenn Ihre Kinder zwar grösser,
Aber gleichzeitig zu Skeletten geworden sind –
Was werden Sie dann sagen?
Spüren Sie auch manchmal
Dieses "Dennoch" in Bauch und Kopf?
Dieses trotzige "Nein" gegen all das,
Was so unausweichlich scheint?
Weshalb warten Sie jedes Mal,
Bis der "Anfall" vorüber ist?
Weshalb schreien Sie es nicht in die Welt hinaus?
Weshalb lassen Sie die "Irren" alleine schreien,
Bis sie sich in der Einsamkeit einer irren Welt verirren?
Glauben Sie,
Dass die Mächtigen dieser Welt im letzten Moment
Zur Besinnung kommen werden?
Wenn nicht –
Weshalb überlassen Sie ihnen unser Schicksal?
Weil Sie den anderen Machtlosen misstrauen?
Und wenn alle dasselbe dächten wie Sie?
Würden Sie einen Hungernden bei sich aufnehmen?
Weshalb haben Sie Angst,
Ihre Freunde würden Sie verhungern lassen,
Wenn's drauf ankäme?
Wann kommt es drauf an? Wenn nicht jetzt?
Fühlen Sie sich manchmal ohnmächtig
Gegenüber den Problemen dieser Zeit?
Wieviele, glauben Sie,
Fühlen sich diesen Problemen gegenüber
Genauso ohnmächtig?
Möchten Sie es wissen? Weshalb fragen Sie nicht?
Und wenn Sie sich einmal das Heer all jener vorstellen,
Die ohnmächtig sind diesen Problemen gegenüber –
Was denken Sie, wer ist stärker:
Das Heer der Machtlosen
Oder das Trüppchen derer, die Macht haben?
Na? Und?